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Gästebuch
In Berlin kann man dem Thema nicht mehr ausweichen: Die Bürgerinitiative "Tempelhof retten" hat die ganze Stadt so flächendeckend mit Plakaten zugestellt, wie das sonst nur alle Parteien zusammen vor Wahlen schaffen. Dazwischen wirbt auch noch die Gegenseite "Tempelhof Flugfrei" um die Nein-Stimmen der Bürger. Heute habe ich das nächste Level erreicht gesehen: Nicht nur dass auf ein Plakat der Flughafengegner fünf der Befürworter kommen, nun wird auf den Plakaten direkt gekontert: Wenn Oma Schulze auf einem verkündet: "Ick flieg uff Berlin. Aba nich von Tempelhof!", dann wurde es mit einem großen "Warum nicht?" übersprüht. Mit Sprühschablone, d.h. planvoll, umfassend und massenweise.
Vielleicht ist es da erst einmal Zeit für ein paar Betrachtungen.
Worum geht es?
Die innerstädtischen Flughäfen Tegel und Tempelhof soll geschlossen werden, der Flughafen Schönefeld zum Großflughafen BBI (Berlin Brandenburg international) ausgebaut werden. Dies wurde am 28.5.1996 von der Berlin-Brandenburg-Flughafen Holding (BBF) beschlossen und vom Senat mitgetragen. Nun wird's konkret und allen jenen, die an Tempelhof hängen, geht nun die Muffe. Daher wurde 2006 ein Bürgerbegehren gestartet, das erste in der Geschichte der Stadt, das Erfolg hatte. Nun kommt es am 27.4.2008 zum Volksentscheid. 611.000 Bürger müssen mit "Ja" zum Text der Bürgerinitiative stimmen.
Wer sind die Seiten?
Die Bürgerinitiative "Tempelhof retten" geht auf die ICAT e.V. zurück. Selbstbeschreibung: Die Interessengemeinschaft Berlin Tempelhof (ICAT e. V.) ist eine Bürgerinitiative, die sich seit 1995 für den Weiterbetrieb des Flughafens Tempelhof einsetzt. Der Verein besteht aus 1.250 Mitgliedern aus allen Schichten und Berufsgruppen, nicht wenige davon wohnen im direkten Umfeld des Flughafens. Parteipolitisch findet sich hier eher das unionsnahe Lager wieder.
Das Bündnis für ein flugfreies Tempelhof setzt sich zusammen aus Bürgerinitiativen, Umweltschutzverbänden (NaBu, BUND), sozialen Organisationen (AWO), und Parteien des eher linken Spektrums (konkret SPD, Grüne, Linke).
Was sind die Argumente?
Die ICAT fordert den Weiterbetrieb, weil:
- Die innerstädtische Lage ist ein klarer Standortvorteil
- Der Abbau würde Arbeitsplätze vernichten.
- BBI ja, aber der alleine reiche von der Kapazität nicht aus.
- Die Entscheidung sei dem Volk aufgezwungen worden : 74% der Berliner seien für den Weiterbetrieb
- Tempelhof habe Tradition und sei durch seine Geschichte (Luftbrücke der Alliierten) untrennbar mit Berlin verbunden
- „Woanders klappt es doch auch“: In anderen Metropolen gebe es wichtige und erfolgreich operierende innnerstädtische Flughäfen
Für die Flughafengegner spricht einiges gegen den Weiterbetrieb des Flughafens Tempelhof:
- Er sei mit durchschnittlich 10 Mio. Euro Verlust im Jahr nicht rentabel
- Er gefährde die Sicherheit im Stadtgebiet, da die Einflugschneise bewohnt ist. Zudem verursache der Flugverkehr Lärm und Dreck.
- Schon jetzt wird Tempelhof kaum mehr gebraucht außer für ein paar private Sonderflüge
- Aus dem frei werdenden Areal ließe sich ein Park mit Grünflächen, innovativen Wohn- und Gewerbeprojekten und Sportmöglichkeiten für alle Bürger schaffen
- Auch der Luftbrücke könne gedacht werden, ohne deswegen den Flugverkehr haben zu müssen
- Ein Weiterbetrieb könne den neuen Großflughafen BBI und damit viele Arbeitsplätze gefährden
- „Woanders klappt es doch auch“: In anderen Metropolen werde der Flugverkehr zunehmend aus der Innenstadt heraus gehalten
Die Kampagnen:
Wie gesagt: die Initiative macht ihrer Plakatierung ein mächtiges Fass auf. Die Flughafengegner scheinen ein deutlich kleineres Budget im Hintergrund zu haben, ihre Plakate mit den drei (erhofften) Sympathieträgern sind zwar auch durchaus präsent, aber kleiner und seltener. Auffällig ist, dass die Kampagne der ICAT mehr auf Emotion setzt – wohl, weil ihre Argumente im Vergleich tatsächlich eher dürftig sind. So lesen sich ihre Sprüche „Alle Macht geht vom Volke aus“, „Berlin hat, was sonst keine Stadt hat: Tempelhof“ (ach?), „Hört auf Euer Herz – nicht auf den Regierenden“. Da ist es für sie natürlich ungünstig, dass ein Flughafen weniger Sympathieträger ist als, sagen wir, ein Eisbärbaby. Dafür hat die ICAT die Boulevardblätter auf ihrer Seite – ein probates Mittel der öffentlichen Meinungsbildung. Erst heute druckte die BZ einen Rettungsplan für Tempelhof ab (http://www.tempelhof-retten.de/?p=156) – nicht das erste Mal, dass sich diese Zeitung für den Erhalt stark macht. Schon letztes Jahr veröffentlichte die Zeitung „100 Gründe, warum Tempelhof Flughafen bleiben muss“ – die allerdings keiner näheren Betrachtung standhalten (nachzulesen hier: http://ghostdog19.wordpress.com/2007/11/15/flughafen-tempelhof-muss-schnell-zugemacht-werden/ ).
Im Direktvergleich der Kampagnenseiten http://www.tempelhof-retten.de/ und http://www.tempelhof-flugfrei.de/ schneidet die erste klar besser ab, weil schicker, umfangreicher und mit schöner Flash-Animation. Die zweiteren haben wie schon vermutet weniger investieren können, setzen dafür voll auf ihre Argumente.
Wohingegen die Befürworter auf die Strahlkraft der Geschichte und diverser Promis vertrauen – und auch gerne mal nach ihren Gegnern mit verbalem Schmutz werfen. Und noch ein Zugpferd wollen sie sich sichtlich zu Eigen machen: die grassierende Politikverdrossenheit und das grundsätzliche Misstrauen in Politiker und die Regierung.
Persönliches Fazit:
http://www.thur.de/philo/klo/uk30.htm
Also, hoch die Schüsseln!!
Bild von:
http://www.klosettbecken.com/toilette1.php
"Inzwischen lebten fast 17 Prozent der rund 11,5 Millionen Kinder in Deutschland in Armut."